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Ein Hund zum Dinner

Von Reinhard Staubach

Gepflegt, hübsch und ruhig lag der Landgasthof in der Abenddämmerung. Mit der Dame meines Herzens beschloss ich, die Kreationen der Küche zu testen. Weil es ein lauschiger Sommerabend war, setzten wir uns an einen Tisch auf der Terrasse des Restaurants. Kaum waren die Speisen serviert und der Ober wieder im Gebäude verschwunden, tappte ein riesiger, schwarzer Hund um die Hausecke. Der Mischling war offenbar das Ergebnis einer leidenschaftlichen Liebe zwischen einem Deutschen Schäferhund und einem Schweizer Bernhardiner. Er steuerte langsam, aber zielstrebig auf unseren Tisch zu.

Seine Nase reichte auch ohne dass er sie besonders heben musste an die Tischkante. Offensichtlich hatte er heute noch nichts gefressen oder er war ständig hungrig. Nun bin ich zwar tierlieb, aber als jener schwarze vierpfötige Geselle gierig auf meinen Teller schaute, erkannte ich die Grenzen meiner Tierliebe. Ich war nicht bereit, mir mein Nachtmahl wegschnappen zu lassen und brachte ihm dies zunächst schonend bei.

„Pfui!", sagte ich. Keine Reaktion. Etwas lauter noch einmal: „Pfui!" Wieder keine Reaktion bei dem Fellträger. Noch lauter: „Verschwinde! Hau ab! Das ist mein Essen! Geh weg! Weg hier!"

Doch den schwarzen Bastard interessierten meine Wünsche nicht. Als habe er nichts gehört, positionierte er seine Schnauze noch näher an den Steak-Teller. Die Situation wurde brenzlig. Die Dame meines Herzens schaute mich an und fürchtete offenbar auch um ihren Teller.

Keine Frage, jetzt war meine Stunde als Beschützer und Retter gekommen. Denn nachdem der ungebetene Gast meinen Teller geleert hätte, würde er sich über den ihrigen her machen. Das musste verhindert werden. Aber was sollte ich tun? Vom Ober keine Spur. Wir waren die einzigen Gäste auf der Terrasse. Das schwarze Monstrum hatte meine eindeutigen Befehle schlichtweg ignoriert. Aus seinem riesigen Gebiss hing eine feuchte Zunge und aus beiden Maulwinkeln tropfte es. Das Steak hatte es ihm angetan, es duftete aber auch zu verführerisch. Und es schmeckte vorzüglich. Allein deshalb wollte ich es nach nur einem einzigen Bissen nicht kampflos hergeben.

Ich sah mich nach einem geeigneten Mordinstrument um. Denn mit bloßen Händen mochte ich mich nicht auf das schwarze Ungeheuer stürzen. Die Gabel, das Messer - Spielkram. Der leere Stuhl am Nachbartisch, mit dem könnte ich das Untier in Stücke hauen. Nein, das filigrane Rohrgeflecht, ein Prankenhieb und ich stünde mit leeren Händen da. Warum kam denn niemand aus dem Restaurant? Man musste doch meine Hilferufe gehört haben. Sollte ich den ganzen Nachbartisch auf die Bestie werfen?

Da hatte die Dame meines Herzens die rettende Erleuchtung. Den Bluthund fixierend sagte sie laut und vernehmlich: „Non!!!"

Augenblicklich senkte der Köter den Kopf, zog den Schwanz ein, machte sich klein wie ein Dackel und verschwand schnurstracks hinter der Hausecke, woher er gekommen war.

Mit offenem Mund sah ich die Dame meines Herzens an. „Wie, der hört nur auf Frauen und nicht auf Männer?", wollte ich fragen. Doch ich war noch zu verblüfft, um die trefflichen Worte zu formulieren. Soeben der grauenhaften Attacke eines Scheusals entgangen, berappelte ich mich in Sprachlosigkeit.

„Nun", begann sie beruhigend auf mich einzureden. „Schau mal, die Speisekarte ist in französischer Sprache, der Ober sprach mit uns französisch, kurz: wir sind in Frankreich. In diesem Land, wo schon die kleinen Kinder französisch sprechen, müssen wir davon ausgehen, dass auch die Hunde französisch verstehen."

„Aha", sagte ich tonlos.

Aber sie war offenbar nicht sicher, ob ich verstanden hatte und fügte deshalb hinzu: „Du sprachst deutsch mit dem Hund. Das hat er nicht verstanden. Mein französisches 'Non' hingegen, hat er sofort kapiert."

Großmütig stimmte ich ihr zu. Wie konnte ich diese Binsenweisheit übersehen? Wenn man sich Gehör verschaffen will, muss man die Sprache sprechen, die verstanden wird - und das gilt nicht nur bei Hunden.

 
 
 
 
   
 
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Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben.
- George Bernard Shaw (1856 - 1950), irischer Dramatiker und Nobelpreisträger

 
 
 
 
www.reinhard-staubach.de © Copyright by Reinhard Staubach - Aktualisiert: Samstag, 03-Dez-2011