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Prinz 4

Von Reinhard Staubach

Mein erstes eigenes Auto erwarb ich bebraucht, einen NSU Prinz 4 im selben rot wie die Feuerwehrautos. Mit seinen 30 PS unter der Heckhaube riss ich viele Kilometer ab. Ich besuchte die Dame meines Herzens am anderen Ende der Republik und baute meinen ersten Unfall auf jenen vier kleinen Rädern. Es war das beste Auto aller Zeiten, jedenfalls für mich. In der kalten Jahreszeit lehrte es mich sogar einen physischen Grundsatz, der auch in anderen Lebensbereichen Gültigkeit hat.

Der Motor meines Superautos mochte keinen Frost und verhielt sich mucksmäuschen still, wenn ich bei eisiger Kälte den Zündschlüssel drehte. Manchmal rang er sich noch zu einem würgenden Laut auf, dass ich aus Mitleid um mein Herz fürchten musste. Es waren nicht immer ein paar kräftige Burschen zur Stelle, die das Auto mit mir darinnen anschoben. Deshalb fand ich eine andere Lösung.

Mit einer Hand am Lenkrad, der anderen an der geöffneten Fahrertür und der rechten Schulter im Türrahmen, schob ich den Prinz 4 selber an. Zwar brachte das Auto unbeladen nur knapp 600 kg auf die Waage, dennoch kostete es mich all meine Kraft, bis die Räder auf wagerechter Strecke rollten. Bei vereister Straße musste ich mich gelegentlich an die Fahrertür klammern, um nicht unter die Räder zu kommen.

Wenn sich der Wagen nämlich erst einmal bewegte, konnte ich ihn fast mit dem kleinen Finger am Laufen halten. Ja, das kleine rote Auto machte Anstalten, eigenrädrig davon zu rennen. Aber ich war jedes Mal schneller. In vollem Lauf sprang ich hinter das Lenkrad, legte den ersten Gang ein und ließ die Kupplung gefühlvoll kommen. Der Motor ruckelte und heulte auf, als ich das Gaspedal durchtrat. Auf diese Weise brachte ich meinen Prinz 4 bei eisigen Temperaturen oft zum Laufen. Meistens klappte es beim ersten Versuch.

Ein stehendes Auto aus seinem Ruhezustand zu bringen, erfordert viel Kraft. Mehr Kraft, als es anschließend am Laufen zu halten. Sich selber aus seinen Gewohnheiten, Traditionen und Denkmustern zu bringen, erfordert mindestens ebenso viel Kraft. Aber wenn man dann einmal „rollt", entdeckt man neue Welten und es ist herrlich und schön.

 

 
 
 
 
   
 
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Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben.
- George Bernard Shaw (1856 - 1950), irischer Dramatiker und Nobelpreisträger

 
 
 
 
www.reinhard-staubach.de © Copyright by Reinhard Staubach - Aktualisiert: Samstag, 03-Dez-2011