Aktuell | Story-Archiv
   
 
Home
  Publikationen
  Vita
  Meldungen/Termine
  Extras
 
 
 
 
   
Story
 
Raubritter Reinhard

Von Reinhard Staubach

Nimmt man die Autobahn von Frankfurt am Main nach Hamburg, so kommt man kurz hinter Gießen an der Autobahnraststätte Reinhardshain vorbei. Da es nicht so viele Orte gibt, die meinen Vornamen aufgegriffen haben, war ich neugierig und forschte nach. Dabei stieß ich auf die Sage vom Raubritter Reinhard.

Er soll im Reinhardswald gelebt haben, der über 100 Kilometer nördlich von der Raststätte liegt. Der Reinhardswald ist einer der größten Wälder Deutschlands und befindet sich im Norden von Hessen zwischen Kassel und Bad Karlshafen. Dort wachsen überwiegend zum Teil uralte Eichen und Buchen. Das soll aber nicht immer so gewesen sein. Der Sage nach pflügten und bestellten einst Bauern die sanft gewellte Ebene mit Korn.

Es gibt mehrere Sagen darüber, wie der Reinhardswald entstand und wie er zu seinem Namen gekommen ist. Mir gefällt die Variante des Raubritters am besten. Danach soll dort vor etwa 800 Jahren ein Graf Reinhard sein Unwesen getrieben haben. Er unterdrückte die Bauern in seiner Grafschaft, urteilte ungerecht und raubte, was er kriegen konnte. Auf den Handelswegen überfiel er die Postkutschen und Kaufmannswagen. Er übertrieb. Man ergriff ihn, klagte ihn an und verurteilte ihn zum Tode. Er bettelte und drohte, es half nicht, der Henker stand mit dem Schwert bereit.

Doch Raubritter Reinhard gab nicht auf. Er erreichte schließlich, dass das Urteil nicht sogleich vollstreckt wurde, sondern erst, nachdem man seinen letzten Wunsch erfüllte. Dann solle man ihn hinrichten. Er wünschte, noch einmal den Boden bestellen zu dürfen, noch einmal aussäen und ernten zu dürfen. Seines Weibes und seiner Kinder wegen, gestattete man diesen Wunsch.

Listig rettete Graf Reinhard mit dieser einfachen Bitte sein Leben. Denn er säte nicht etwa Weizen oder Hafer, was man erwartet hatte. Verwundert befolgten die Knechte, was der Graf anwies und streuten Eicheln aus. So dauerte es Jahrzehnte, bis die Eichenstämme kräftig und groß genug für die Ernte waren.

Der einst zum Raubritter abgerutschte Graf soll in Freiheit alt geworden und eines natürlichen Todes gestorben sein, ohne die erste Ernte zu erleben. Denn wegen des Urteils durfte man ihn nicht vorher hinrichten. Den auf diese Weise entstandenen Wald benannte man nach ihm Reinhardswald.

Jedes Mal, wenn ich mich auf der Autobahn dem Rasthof Reinhardshain nähere, muss ich an meinen Namensvetter Graf Reinhard denken, der ein klares Ziel vor Augen hatte: er wollte leben. - Deshalb fand er aus der aussichtslosen Situation einen Weg.

 
 
 
 
   
 
Nach oben
 

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben.
- George Bernard Shaw (1856 - 1950), irischer Dramatiker und Nobelpreisträger

 
 
 
 
www.reinhard-staubach.de © Copyright by Reinhard Staubach - Aktualisiert: Samstag, 03-Dez-2011