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Wenn Spatzensöhnlein nicht lernt...

Von Reinhard Staubach

An einem warmen Sommertag setzte ich mich mittags in ein großes Selbstbedienungsrestaurant. Einige der bis auf den Fußboden reichenden modernen Schiebefenster standen weit offen. Zwei Spatzen waren in das Restaurant geflogen und zankten sich lautstark in unmittelbarer Nähe meines Tisches auf dem Linoleumboden um ein Stückchen Brot. Doch als ich genau hinsah, erkannte ich meinen Irrtum. Die Spatzen stritten sich gar nicht um den Brotkrumen.

Die Schnabelwinkel des einen Spatzen leuchteten noch etwas gelb. Er war demzufolge recht jung, konnte aber schon fliegen, das Spatzensöhnlein. Er tschilpte lautstark und sperrte seinen breiten Schnabel gen Himmel streckend weit auf. Der andere Spatz war offenbar erwachsen und sein Vater. Wie schon beim Söhnlein, erkannte ich seine Männlichkeit an den Farben und dem Muster seines Gefieders. Spatzenvater hatte den Brotkrumen vor seinen Sohn gelegt und tat so, als wolle er ihn selber fressen. Immer wieder pickte er danach, futterte das Brot aber nicht.

Ich begriff, was sich zwischen den beiden Spatzen abspielte. Spatzenvater zeigte seinem Sohn, dass er das Brot vom Boden aufpicken und fressen sollte. Er schien zu sagen: „Die Zeiten sind vorbei, wo ich Dir alles in den Schnabel stopfte. Hier, friss selber!"

Aber Spatzensöhnlein begriff nicht oder wollte nicht begreifen. Er riss weiterhin erbärmlich tschilpend seinen Schnabel auf und erwartete, dass etwas hinein gestopft würde. Schließlich schnappte Vater Spatz das Brotstück und steckte es in den Schnabel seines Söhnleins, welcher sich daran fast zu verschlucken schien. Doch kaum war das Brot verschlungen, begann er gleich wieder kläglich zu tschilpen, als habe er seit Jahrzehnten keinen Bissen bekommen.

Spatzenvater flog davon und kam nach wenigen Augenblicken mit einem neuen Brotkrumen im Schnabel zurück. Er schien sich im Restaurant gut auszukennen und wusste offenbar genau, wo es die leckeren Bissen gab. Wieder legte er das Brot vor Spatzensöhnlein und tat, als wolle er es selber fressen. Doch der junge Spatz begriff wieder nicht. Ich bewunderte Spatzenvaters Geduld. Schließlich stopfte er seinem erbärmlich tschilpenden Sohn doch den Schnabel.
Bevor er ein neues Stücken Brot holte, schien er seinem Söhnlein gesagt zu haben: „Folge mir. Ich zeige Dir, wo es reichlich zu fressen gibt." Doch Spatzensöhnlein flog nur auf die nächste Stuhllehne, wo er laut tschilpend sitzen blieb.

Diese Vogel-Szene im Restaurant beobachtend, wurde mir intensiv bewusst, dass sich, wie für jenes Spatzensöhnlein, auch für jeden Menschen die Lebensumstände verändern, ja, immer wieder verändern. Bei derartigen Veränderungen beispielsweise durch Unfall, Tod oder Katastrophe muss man lernen, sich neu zu orientieren und sich auf die neue Lage einzustellen. Denn irgendwann wird der Schnabel nicht mehr gestopft.

Ich war nicht lange genug an jenem heißen Sommertag im Restaurant, um zu beobachten, ob Spatzensöhnlein begriff, was von ihm erwartet wurde. Eines war jedoch sicher, wenn er nicht schnellstens seine Lektion lernte, würde er jämmerlich verhungern, obwohl er reichlich von Speisen umgeben war. Denn unter Spatzen ist es nicht üblich, dass die Väter ihren Nachwuchs bis ins hohe Alter durchfüttern.

 
 
 
 
   
 
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Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben.
- George Bernard Shaw (1856 - 1950), irischer Dramatiker und Nobelpreisträger

 
 
 
 
www.reinhard-staubach.de © Copyright by Reinhard Staubach - Aktualisiert: Samstag, 03-Dez-2011