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An
einem warmen Sommertag setzte ich mich mittags
in ein großes Selbstbedienungsrestaurant.
Einige der bis auf den Fußboden reichenden
modernen Schiebefenster standen weit offen.
Zwei Spatzen waren in das Restaurant geflogen
und zankten sich lautstark in unmittelbarer
Nähe meines Tisches auf dem Linoleumboden
um ein Stückchen Brot. Doch als ich
genau hinsah, erkannte ich meinen Irrtum.
Die Spatzen stritten sich gar nicht um den
Brotkrumen.
Die
Schnabelwinkel des einen Spatzen leuchteten
noch etwas gelb. Er war demzufolge recht
jung, konnte aber schon fliegen, das Spatzensöhnlein.
Er tschilpte lautstark und sperrte seinen
breiten Schnabel gen Himmel streckend weit
auf. Der andere Spatz war offenbar erwachsen
und sein Vater. Wie schon beim Söhnlein,
erkannte ich seine Männlichkeit an
den Farben und dem Muster seines Gefieders.
Spatzenvater hatte den Brotkrumen vor seinen
Sohn gelegt und tat so, als wolle er ihn
selber fressen. Immer wieder pickte er danach,
futterte das Brot aber nicht.
Ich
begriff, was sich zwischen den beiden Spatzen
abspielte. Spatzenvater zeigte seinem Sohn,
dass er das Brot vom Boden aufpicken und
fressen sollte. Er schien zu sagen: Die
Zeiten sind vorbei, wo ich Dir alles in
den Schnabel stopfte. Hier, friss selber!"
Aber
Spatzensöhnlein begriff nicht oder
wollte nicht begreifen. Er riss weiterhin
erbärmlich tschilpend seinen Schnabel
auf und erwartete, dass etwas hinein gestopft
würde. Schließlich schnappte
Vater Spatz das Brotstück und steckte
es in den Schnabel seines Söhnleins,
welcher sich daran fast zu verschlucken
schien. Doch kaum war das Brot verschlungen,
begann er gleich wieder kläglich zu
tschilpen, als habe er seit Jahrzehnten
keinen Bissen bekommen.
Spatzenvater
flog davon und kam nach wenigen Augenblicken
mit einem neuen Brotkrumen im Schnabel zurück.
Er schien sich im Restaurant gut auszukennen
und wusste offenbar genau, wo es die leckeren
Bissen gab. Wieder legte er das Brot vor
Spatzensöhnlein und tat, als wolle
er es selber fressen. Doch der junge Spatz
begriff wieder nicht. Ich bewunderte Spatzenvaters
Geduld. Schließlich stopfte er seinem
erbärmlich tschilpenden Sohn doch den
Schnabel.
Bevor er ein neues Stücken Brot holte,
schien er seinem Söhnlein gesagt zu
haben: Folge mir. Ich zeige Dir, wo
es reichlich zu fressen gibt." Doch
Spatzensöhnlein flog nur auf die nächste
Stuhllehne, wo er laut tschilpend sitzen
blieb.
Diese
Vogel-Szene im Restaurant beobachtend, wurde
mir intensiv bewusst, dass sich, wie für
jenes Spatzensöhnlein, auch für
jeden Menschen die Lebensumstände verändern,
ja, immer wieder verändern. Bei derartigen
Veränderungen beispielsweise durch
Unfall, Tod oder Katastrophe muss man lernen,
sich neu zu orientieren und sich auf die
neue Lage einzustellen. Denn irgendwann
wird der Schnabel nicht mehr gestopft.
Ich
war nicht lange genug an jenem heißen
Sommertag im Restaurant, um zu beobachten,
ob Spatzensöhnlein begriff, was von
ihm erwartet wurde. Eines war jedoch sicher,
wenn er nicht schnellstens seine Lektion
lernte, würde er jämmerlich verhungern,
obwohl er reichlich von Speisen umgeben
war. Denn unter Spatzen ist es nicht üblich,
dass die Väter ihren Nachwuchs bis
ins hohe Alter durchfüttern.
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